Und nun? Denkanstöße in Corona-Zeiten

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist fast ein Jahr vergangen. Den persönlichen Glücksbringer am Rückspiegel hat die allzeit griffbereite Zweit-Schutzmaske abgelöst. Wie sieht also die aktuelle Bilanz unter COVID-19-Einfluss aus? Was unsere Branche angeht, so stehen besonders der weltweite Tourismus, der Business Travel und der damit verbundene Reiseverkehr vor einem Scherbenhaufen. Wir haben aber den Eindruck, dass aus den Scherben bereits das eine oder andere Mosaik entsteht und die (neue) Richtung vorgibt.

Nicht Hotel, nicht Wohnen, sondern Serviced Apartments und noch mehr Aufklärung

Wir hatten erwartet, dass zunehmend Beratung zur Performance-Optimierung nachgefragt würde - vielmehr sind aber Standortanalysen, Konzeptprüfungen und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen für Objekte gefragt. Das heißt auch, dass wir weiter eine Lanze brechen müssen, für das gewerbliche Konzept des Temporären Wohnens. Denn noch immer wissen Städte und Gemeinden, Baubehörden, Investoren und Banken mit unseren Serviced Apartments nichts anzufangen, sie passen nicht in die Schublade „Wohnen“ und nicht in die Schublade „Hotel“. Um dem zu begegnen, plädiert Anett Gregorius schon seit langem für eine eigene Asset-Klasse Serviced Apartments. In Anbetracht des so stark in Bewegung geratenen Immobilienmarkts, dem gesteigerten Interesse an möbliertem, gewerblichen Wohnen – wäre es jetzt nicht endlich Zeit dafür?

Große Einsparungen bei Geschäftsreisen - wohin führt uns das?

Der Serviced-Apartment-Markt steht und fällt mit der Reiseaktivität nationaler und internationaler Business Traveller. Vor der Pandemie seien über 53 Milliarden Euro für Business Trips ausgegeben worden, die regionale Wertschöpfung, also die Ausgaben der Reisenden am Zielort etwa für gastronomische oder kulturelle Angebote, nicht mit einberechnet, schätzt der VDR. Bleiben die Fragen: Wie viel Geschäftsaktivität ist noch notwendig oder möglich? Haben die Firmen genug Vertrauen in die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, um sie wieder auf Reisen zu schicken? Ersetzen die digitalen Möglichkeiten zum Informationsaustausch und der gemeinsamen Abstimmung die Vertragsverhandlungen und das persönliche Miteinander vor Ort? Darauf muss auch unser Segment Antworten finden und sich sichtbar, gemeinsam positionieren.

Hospitality ohne Host?

Die Digitalisierung ist in aller Munde und Kontaktlosigkeit funktioniert konzeptbedingt beispielsweise in Serviced-Apartment-Häusern seit jeher: Schlüsselboxen und Self-Check-in-Automaten sind üblich, der Gast wird nur bei seiner Ankunft willkommen geheißen und gastronomische Einrichtungen sind bis auf ein kleines Frühstücksangebot auch eher die Ausnahme als die Regel.

Dr. Marc Schumacher, Key Note Speaker unserer SO!APART 2019, hat einmal gesagt, dass er als Spezialist für Retail-Business unsere Beherbergungsbranche genau um diesen dann fehlenden Aspekt beneidet: den Kontakt zum Gast. Denn fehlt dieser, müssen Unternehmen auf Erlebniswelten in Showrooms ausweichen, um ihre Kunden noch in die Geschäfte zu bringen und rechnen dennoch damit, dass der Kauf am Tablet oder Smartphone vonstattengeht. Wie schön hätten wir es da in unseren Apartmenthäusern und Hotels, die der Gast sogar freiwillig betritt und dortbleibt!

Hospitality ohne Host? Das geht und geht auch nicht. Ein „herzlich willkommen“ bei der Ankunft ist nicht digital zu ersetzen – das lästige Einchecken oder die Schlüsselübergabe schon, vielleicht sogar die Hausbesichtigung vorab. Die gewonnene Zeit können wir für echte Gespräche mit den Gästen nutzen, denn in ein zugewandtes Zuhause kommen diese gerne wieder.

Co-Living als digitale Community

Das Zauberwort – neben „Hygiene“ – ist für die Co-Living-Anbieter „Kommunikation“ und zwar auf allen verfügbaren Kanälen. Schon kurze Zeit im Lockdown setzten die Co-Living-Teams darauf, ihre Bewohner via Website, Facebook, Instagram und eigener App über die getroffenen Maßnahmen und neuen Regeln in Kenntnis zu setzen. Die Abstandsregeln wurden eingefügt, gastronomische Bereiche und Fitnessstudios im ersten Schritt geschlossen, ebenso viele Gemeinschaftsflächen. Doch die Lounges erhielten schnell ein Reinigungskonzept, das einen, wenn auch limitierten Zugang zu diesen Bereichen ermöglichte, ebenso wie Dachterrassen, Bibliotheken und Co-Working-Bereiche. Wie in anderen Betriebsarten auch, wurde und wird sorgfältig und häufig desinfiziert, auf Abstände geachtet und die Nutzerzahl und Aufenthaltsdauer begrenzt.

Gerade die Online-Community-Angebote wurden wichtiger: Der Yoga-Kurs von der Dachterrasse fand also online statt – die Yoga-Trainerin wurde live ins Apartment gestreamt und die Bewohner konnten dort mitmachen. Kleine Koch-Einheiten, Poetry Slams, Mini-Konzerte und das Programm des hauseigenen Kinos wurden einfach online angeboten. So geht Community auch unter besonderen Umständen.

Es hat sich gezeigt, wie anpassungsfähig, ideenreich und entschlossen die Betreiber im Temporären Wohnen in diesen schwierigen Zeiten sind.

Bianca Vandersee, Senior Consultant, Apartmentservice